Neueste Beiträge:

„Oooohs“ und „Aaaahs“ im Ohr

Ein Alemanne in der Ferne

Weit weg von Zuhause und die Alemannia in der Regionalliga West. Für unseren Autor hat das auch sein Gutes: Die Wiederentdeckung von Fußball im Radio.

Von Marcus Erberich

Als Fan von Alemannia Aachen hat man es nicht leicht. Zwar hat unser Verein uns nie übermäßig mit Erfolgen verwöhnt. Aber im Moment ist es besonders schwer: Die Alemannia steckt seit vier Jahren in der Regionalliga West, ohne Aussicht auf den baldigen Wiederaufstieg. Das liegt auch am blödsinnigen System dieser Liga, das nicht mal den Meister sicher aufsteigen lässt!

Das Unbehagen aufgrund der aktuellen Lage des Vereins hat dazu geführt, dass in Aachen mittlerweile laut darüber diskutiert wird, ob man sich für Investoren öffnen sollte. Die Idee: Frisches Geld, bessere Spieler, schneller Aufstieg. Dass diese Rechnung nicht immer aufgeht, sieht man bei 1860 München, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Mitglieder der Alemannia werden in den kommenden Monaten über dieses Thema entscheiden müssen – unmöglich vorauszusagen, wie ihr Urteil ausfallen wird. Zumal noch zu wenig Details bekannt sind, um darüber eine ernsthafte Debatte zu führen.

Aber darum soll es hier auch gar nicht gehen.

Als Aachener weit weg von Zuhause stehe ich nämlich vor einer weiteren Schwierigkeit: Ich kann nicht zu jedem Heimspiel zum Tivoli reisen, und das Fernsehen hat das Interesse an meinem Verein längst verloren. Wochenende für Wochenende bin ich also auf das Radio angewiesen, wenn ich die Alemannia live erleben will. Anfangs hat mich das frustriert. Heute empfinde ich es als schöne Alternative, ein Fußballspiel zu verfolgen – bisweilen gefällt es mir sogar besser als das Fernsehen.

Denn das Überangebot live im Fernsehen übertragener Spiele hat mich über die Jahre abgestumpft. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mich während eines Fußballspiels im TV lieber mit meinem Smartphone beschäftige. Die Live-Reportage im Radio fesselt mich dagegen viel mehr. Meine eigene Vorstellung von dem Geschehen auf dem Rasen mag zwar mit der Wirklichkeit nicht immer übereinstimmen, sie ist dafür aber ungemein unterhaltsam – und obendrein auch noch werbefrei.

Der Komiker Tony Cowards schrieb jüngst in einem Beitrag für das britische Fußballmagazin „When Saturday Comes“ über Fußball im Radio: „Jedes Mal, wenn der Ball in die Nähe des Strafraums kommt, kannst du die Anspannung der Fans hören, du hörst die ‚Oooohs‘ und ‚Aaaahs‘ bei einer verpassten Chance, und wie sich die Stimme des Reporters verändert, wenn der Ball in die Richtung des Tors geschlagen wird.“ Sogar das Gewurschtel im Mittelfeld, das den Großteil der meisten Spiele ausmache, klinge recht anregend, wenn man es nicht selbst mit ansehen müsse.

Weiter schreibt Cowards – jetzt in berufsbedingter Übertreibung –, Fußball im Radio zu hören, das sei ein „politischer Akt, ein Protest“ gegen die kompromisslose Kommerzialisierung des Sports: „Indem ich nicht für ein ‚Sky‘- oder ‚BT‘-Abo bezahle, fühle ich mich, als sei ich nicht Komplize des lächerlichen finanziellen Rummels im modernen Fußball“. Okay, von diesem Rummel ist in den Niederungen des deutschen Ligensystems zwar ohnehin wenig zu spüren, und „Sky“ war schon länger nicht mehr zu Gast auf dem Tivoli. Aber es kann trotzdem nicht schaden, sich dem Mediengebimmel um den Milliardenfußball einmal für eine Weile zu entziehen und stattdessen das Radio einzuschalten.

Ja, die Alemannia hat Probleme, über die dringend gesprochen werden muss. Und nein, auch eine noch so gute Radioreportage kann Fußball im Stadion nicht ersetzen. Aber heute Abend, wenn die Alemannia im Mittelrhein-Pokal gegen Fortuna Köln ums Weiterkommen ringt, werde ich wieder mal am Radio hocken – dem sportlichen Absturz und dem quasi nicht mehr vorhandenen Medieninteresse zum Trotz. Aber eins, aber eins … \

Aus dem Archiv: 100,5-Reporter Tim Gorgels im Interview

Bildquelle: Internet Archive Book Images unter Creative Commons

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: