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Martin Quast: „Die Entwicklung in Aachen ist schon erstaunlich“

Interview

Wir haben über SPORT1 gemotzt, jetzt lassen wir Moderator Martin Quast zu Wort kommen. Im Interview spricht er über die Relegation, Spanferkel und Fehler bei der Alemannia.

Martin Quast Sport 1 Getty Images

Interview: Marcus Erberich

Martin Quast, SPORT1 überträgt Spiele aus der Regionalliga und erzielt damit gute Quoten. Was, glauben Sie, macht es für TV-Zuschauer reizvoll, sich das anzuschauen?

Ich glaube, es ist diese Form des nahbaren Fußballs, die sich von dem hochdekorierten Bundesliga-Geschehen unterscheidet. Wir haben letztens TSV Buchbach gegen Jahn Regensburg in der Regionalliga Bayern übertragen. Das war ein absolutes Volksfest! Wir alle kennen Arenen mit 60.000 Zuschauern, in Buchbach waren es 2.500. Aber das war so eine herzliche Form von fußballerischer Freude, fernab von den großen Ligen. Wir haben dort Bilder eingefangen, wie während des Spiels ein Spanferkel gegrillt wurde.

Solche Szenen wird man bei Vereinen wie Essen und Aachen aber nicht sehen

Bei diesen Vereinen ist der Reiz nicht das „Amateurhafte“, sondern die riesige Tradition. Außerdem darf man nicht vergessen, dass in der Regionalliga ja auch qualitativ guter Fußball gespielt wird. Nehmen Sie zum Beispiel die Würzburger Kickers, die im letzten Jahr in die 3. Liga aufgestiegen sind und dort jetzt eine super Rolle spielen. Und wenn wir am Wochenende Essen gegen Aachen übertragen, dann spielen da zwei tolle Vereine. Auch wenn beide Klubs im Moment etwas durchhängen, haben beide große Ambitionen und eine profunde Qualität.

SPORT1 überträgt auch regelmäßig live die Montagsspiele der 2. Bundesliga. Was ist anders, wenn Sie aus der Regionalliga übertragen?

Wir machen in der Regionalliga Dinge, die in der 1. und 2. Liga so während des Spiels nicht möglich wären. Sprich: Wir machen Interviews mit Promis der Vereine, mit besonderen Menschen, ob das der Zeugwart ist oder ein Ex-Spieler, der die Vereinsgeschichte geprägt hat. Das machen wir mitten im Spiel, um das reine Spielgeschehen zu unterstützen. Da kann man unglaublich viel machen – wir hatten auch schon Interviews auf der Bank! Die Resonanz der Zuschauer ist positiv, vielen gefällt es, dass man mal etwas komplett anderes zu sehen kriegt, gegen jede Gewohnheit. Auch die Vereine freuen sich darüber, weil wir ihnen mit der Übertragung ja auch eine große Werbeplattform bieten. Oder wussten Sie, wo Buchbach liegt?

Ehrlich gesagt: nein.

Sehen Sie. Jetzt wissen 330.000 Leute, die unser Programm in der Spitze geschaut haben, dass sich der Ort in Oberbayern, im Landkreis Mühldorf befindet. Plötzlich ist so ein kleines Dorf bundesweit bekannt. Anders ist es natürlich, wenn man ein Spiel hat wie Essen gegen Aachen. Die Vereine kennt jeder, aber nicht unbedingt, was die für besondere Geschichten haben. Man muss sich mal vor Augen führen: Vor genau zehn Jahren, am 17. April, war Alemannia Aachen Tabellenführer in der 2. Liga, verlor dann das Spitzenspiel gegen den VfL Bochum, ist am Ende aber trotzdem aufgestiegen. Und Rot-Weiss Essen war vor zehn Jahren Tabellenführer in der 3. Liga und ist anschließend in die 2. Liga aufgestiegen.

Sie als Experte kennen alle fünf Regionalligen. Welche ist Ihrer Meinung nach sportlich am besten besetzt?

Nicht alle, da muss ich eine Ausnahme machen: Die Regionalliga Nordost ist von unserem Vertrag mit den Regionalliga-Trägern ausgenommen, weil sie vom MDR gezeigt wird. Deswegen kann ich über die Qualität dort nicht so viel sagen. Vom Rest ist die zuschauerstärkste Liga und die mit den traditionsreichsten Vereinen die Regionalliga West. Schon allein wegen dieser unglaublichen Zugpferde Alemannia Aachen, Rot-Weiss Essen, SG Wattenscheid und Rot-Weiß Oberhausen. Ich will da aber gar nicht werten. Wenn man auf die Ergebnisse der Relegationsspiele schaut, müsste man sagen, dass die Regionalliga Südwest am stärksten ist, weil sich von dort die meisten Vereine durchgesetzt haben. In dem Fall wären die Bayern die schwächsten. Aber das ist ganz schwer zu beantworten, weil es außer der Relegation keine Vergleichsparameter gibt. Ich glaube, dass es in jeder Regionalliga sehr gute Mannschaften gibt, dass aber auch das Gefälle sehr stark ist. Man sieht in der 1. und 2. Liga nicht, dass die Mannschaften am Tabellenende kaum Punkte haben.

tivoli aachen foto stefan follmer

Die Saison 2015/16 ist für die Alemannia ein verlorenes Jahr. Foto: Stefan Follmer

Wäre die Regionalliga nicht viel reizvoller, wenn die Aufstiegsregelung nicht so, sagen wir, unsinnig wäre?

Tja, das ist ein Thema ohne richtige Antwort. Ich kann jeden Sportler, jeden Trainer, jeden Fußballer verstehen, der sagt: „Wir haben uns eine ganze Saison krummgelegt, haben gerödelt wie die Irren, jetzt sind wir Erster – es gehört sich einfach so, dass wir jetzt aufsteigen.“ Ich verstehe aber auch das Ansinnen der Verbände. Fünf Regionalligen ergeben Sinn. Vorher waren es drei, das bedeutete für die einzelnen Vereine größere Distanzen, teilweise 600 Kilometer, also auch höhere Kosten und viel geringeren Zuschauerzuspruch. Dazu kommt, dass auch dieses Jahr wieder ein DFB-Bundestag ist. Raten Sie mal, wie viele Regionalligisten bisher einen Antrag gestellt haben, um die Aufstiegsregelung zu ändern. Kein einziger Verein, nicht einer!

Haben Sie eine Idee für einen Kompromiss?

Was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Aufstiegsrunde mit den fünf Meistern und dem Zweiten der Regionalliga Südwest. Wenn da jeder gegen jeden spielen würde, hätte jeder fünf Spiele und am Ende würden die ersten drei aufsteigen. Das wäre die beste Lösung. Dann würde es nicht nur von der Form in zwei Spielen abhängen, wer aufsteigt und wer nicht. Es wundert mich, dass das noch keiner vorgeschlagen hat. Wahrscheinlich würde das den Vereinen terminlich zu eng. Fünf Spiele, dazu braucht man ja auch ein paar Wochen.

Am Sonntag sind Sie beim Spiel Essen gegen Aachen im Einsatz. Beide müssen in der Tabelle eher nach unten schauen als nach oben. Was für ein Spiel erwarten Sie und wie bereiten Sie sich vor?

Mein Kollege Jörg Dahlmann und ich machen das zusammen. Jörg Dahlmann kommentiert, ich moderiere. Wir bereiten uns vor, indem wir die ganze Saison sämtliche Regionalligen genau verfolgen. Dabei ziehe ich manchmal die Augenbrauen hoch, wenn ich sehe, dass es bei manchen Vereinen eher um persönliche und strukturelle Dinge geht als um den Sport. Da ist Alemannia Aachen in diesem Jahr, glaube ich, leider ein ganz gutes Beispiel. Wie eben schon gesagt: Vor zehn Jahren ist der Verein in die Bundesliga aufgestiegen. Da müssen so unglaublich viele Fehler gemacht worden sein in der Zwischenzeit. Dass dieser Verein von einem supersympathischen Erstligisten, dem es so viele Leute gegönnt haben, zu einem Viertligisten mit schwachen Finanzen geworden ist, ist schon erstaunlich. Bei Essen sieht es nicht anders aus.

Jetzt werden Sie aber sentimental.

Ich finde die Entwicklungen beider Vereine einfach total schade. Das sind geile Vereine, das muss man einfach sagen! Riesiges Zuschauerinteresse, nicht umsonst stehen beide Vereine in der Zuschauertabelle ganz vorn. Die sportliche Situation: Aachen muss noch ein bisschen aufpassen, eigentlich dürfte aber nicht viel passieren. Essen muss höllisch aufpassen. Es ist Brisanz drin. Essen muss, Aachen sollte. Mit anderen Worten: Da ist am Sonntag Dampf auf dem Kessel! \

LINK: TV-Heuchelei am Ostermontag

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