Neueste Beiträge:

TV-Heuchelei am Ostermontag

Meinung

Wenn die Alemannia am Montag gegen Wattenscheid spielt, wird „Sport1“ so tun, als habe das alles noch Bedeutung. Und in Wirklichkeit beide Klubs am Nasenring durch die Manege zerren.

Alemannia gegen Wattenscheid im Fernsehen

Von Marcus Erberich

Es ist still geworden bei der Alemannia. Zumindest im Vergleich zu dem Tohuwabohu vor und während der Winterpause. Das hat sein Gutes: Ohne das ständige Klingeln in den Ohren sollte es Mannschaft und Trainerteam leichter fallen, sich auf das Sportliche zu konzentrieren. Es hat aber auch einen faden Beigeschmack. Denn die Stille um die Alemannia zeigt gleichsam, dass ein Großteil der Fans mit der Saison längst abgeschlossen hat. Acht Spiele sind noch irgendwie zu absolvieren; nach oben (schade) und nach unten (zum Glück!) geht nichts mehr. Acht Spiele Langeweile im Niemandsland der Regionalliga West.

Und am Montag, wenn die Alemannia auf dem Tivoli die SG Wattenscheid 09 erwartet, rückt „Sport1“ mit einem Fernsehteam an. Ausgerechnet jetzt. In der Programmankündigung steht: „Das Traditionsduell zwischen den beiden ehemaligen Bundesligaklubs hat für beide Seiten im Saisonendspurt eine wichtige Bedeutung.“ Aha. Ein flotter Blick auf die Tabelle: Der Alemannia auf Platz sieben fehlen 20 Punkte bis Platz eins, nach unten beträgt das Polster neun Punkte. Wattenscheid auf Platz vier hat 14 Punkte weniger als der Tabellenführer. Was genau, „Sport1“, ist jetzt genau diese „wichtige Bedeutung“?

Hand aufs Herz: Für Wattenscheid geht es dieses Jahr um rein gar nichts mehr, die Alemannia schielt vielleicht noch mit einem Viertel-Äuglein nach unten, aber es müsste schon eine ganze Menge Mist passieren, damit es in Sachen Abstiegszone noch mal ernsthaft gefährlich würde. Man muss es so klar sagen: Mehr Tristesse kann man seinen Zuschauern kaum zumuten. Und das am Ostermontag. Da hilft auch keine noch so poppig daher getippselte Programmvorschau.

Vielleicht taugt das Spiel immerhin dazu, den TV-Zuschauern, die mit der Regionalliga sonst nicht so vertraut sind, etwas vor Augen zu führen: Das Getriebe dieser Liga ist in seiner Konstruktion an Stumpfsinn nicht zu toppen! Wer aufsteigen will, muss Meister werden und danach noch in Hin- und Rückspiel gegen den Meister einer anderen Regionalliga die Relegation schaffen. Bürokratischer Kokolores, ganz und gar nicht im Sinne des Sports. Umgekehrt steigt ein sattes Viertel der Liga ab; auch hier gibt es jedoch Mechanismen, die die tatsächliche Anzahl der Absteiger beeinflussen.

Am Montag gibt es im Fernsehen nun zwei Mannschaften zu sehen, die in den Mühlen dieser Liga gefangen sind. Sie spielen, obwohl es für sie nichts mehr zu gewinnen gibt – abgesehen natürlich vom Antrieb jedes Sportlers, besser zu sein als der Gegner. „Sport1“ zeigt das Spiel nicht wegen seiner ach-so-großen „Bedeutung im Saisonendspurt“, sondern weil dort zwei Fußballklubs gegeneinander spielen, die in Deutschland mal jeder kannte, und die heute bis zum Kinn in den Morast des Ligensystems eingesunken sind. Das ist mehr Big Brother als Fußballfernsehen, mehr Zirkus als Sport.

Wenn der Schiedsrichter das Spiel am Montagnachmittag abpfeift, wird „Sport1“ noch zwei, drei lieblose Feldinterviews führen („Wie wichtig war dieser Sieg?“), seine Sachen packen und wieder aus Aachen verschwinden. Die meisten TV-Zuschauer werden sich schon am Montagabend nicht mehr an das Ergebnis dieses „Traditionsduells“ erinnern. Und nach 90 Minuten in der Manege wird es bei der Alemannia wieder still werden. \

LINK: Die Alemannia liegt in Trümmern

Foto: Quapan unter CC BY 2.0

Advertisements

4 Kommentare zu TV-Heuchelei am Ostermontag

  1. Ist alles korrekt, jedoch begrüße ich die Berichterstattung von Sport1 ausgesprochen. Die Regionalliga ist im gesamten Land zu verfolgen, noch keine absolut vollständige Bedeutungslosigkeit…

  2. Ich habe die Übertragung gestern gesehen – das war doch gute Werbung für die Alemannia. Spannendes Spiel mit schön herausgespielten Toren (ok, leider eins mehr für den Gegner), Kampf bis zum Abpfiff und mehr Stimmung auf den Rängen als bei einigen Bundesligisten.
    Das System Regionalliga, insbesondere den Modus für den Aufstieg, sollte man sicherlich überdenken.

  3. Wenn nicht bald etwas bei Alemannia passiert, sollte man das Thema Profifußball beerdigen. Der Fisch stinkt vom Kopf.

  4. Dieter Lübbers // 27. März 2016 um 13:15 // Antwort

    Realismus kann sehr weh tun!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: