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„Die Kultur ist im Stadion“

Reportage

Die Premier League gilt als die beste Liga der Welt. Aber die Zielgruppe hat sich verschoben: Durch teure Tickets wird der Fußball zum Luxus-Produkt, das sich viele Fans nicht mehr leisten können.

FC Arsenal Emirates Stadium

Von Marcus Erberich

London an einem frühen Samstagnachmittag, Anfang Dezember. In einem Pub im Stadtteil Highbury, ein paar Kilometer nördlich der City, geht es zu wie auf einem U-Bahnsteig zur Rush Hour. Zwischen 150 und 200 Gäste drängeln sich dicht an dicht, die meisten von ihnen sind Männer. Sechs Bardamen zapfen Bier, an der Eingangstür steht ein Weihnachtsbaum aus Plastik. Auf einer Leinwand flimmert der Vorbericht eines Pay-TV-Senders zu einem Fußballspiel, den Ton kann man wegen des Gemurmels der Gäste kaum hören. Die meisten von ihnen tragen Schals in den Farben Rot und Weiß um den Hals, die Farben des FC Arsenal: Highbury ist „Gunners“-Land, die Fans des Klubs kommen traditionell aus den Wohnbezirken im Norden der Stadt. In einer Stunde spielt ihr Verein gegen den AFC Sunderland. Match Day!

Zu den Heimspielen des FC Arsenal kommen regelmäßig mehr als 60.000 Fans, damit gehört das Emirates Stadium zu den am besten besuchten Stadien in der Premier League und in Europa. Weil der Klub eine stolze Tradition hat und zu den erfolgreichsten im englischen Fußball gehört, hat er Fans weit über London und das Vereinigte Königreich hinaus – es gibt 124 eingetragene „Gunners“-Fanklubs in mehr als 60 Ländern der Welt. Und auch finanziell gehört der Verein zur Oberschicht: 2015 lag der FC Arsenal laut dem „Forbes“-Wirtschaftsmagazin auf Platz sieben der wertvollsten Fußballklubs der Welt – mit einem Gesamtwert von rund 1,2 Milliarden Euro.

Eine halbe Stunde bis zum Anstoß. Im Pub macht sich Aufbruchsstimmung breit. Einige Fans stürzen den Rest ihres Pints noch schnell hinunter, andere lassen ihre Gläser halb ausgetrunken auf den Tischen stehen. Etwa die Hälfte der 200 Gäste schiebt sich vorbei am Plastik-Weihnachtsbaum durch die Tür auf den Bürgersteig. Sie sind diejenigen, die eine Karte für das Spiel gekauft haben. Die anderen bleiben im Pub zurück und wenden sich der Leinwand zu – diese Leute konnten oder wollten sich den Eintritt ins Emirates Stadium nicht leisten: Längst ist Fußball in England nicht mehr der für jeden erschwingliche Zeitvertreib, der er früher einmal war. Ja, die Premier League ist die Liga der Superlative. Das gilt allerdings auch für die Ticketpreise.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Premier League kostet in der Saison 2015/16 das günstigste Tagesticket im Durchschnitt aller zwanzig Vereine mehr als 30 Pfund, das entspricht etwa 40 Euro. Das geht aus einer jährlichen Erhebung des Nachrichten-Senders „BBC“ hervor. Die teuersten Tageskarten kosten demnach im Schnitt 78 Euro. Der FC Arsenal nimmt im Vergleich aller Teams traditionell die Spitzenposition ein: Die teuerste an den Tageskassen erhältliche Karte kostet 97 Pfund – 132 Euro für 90 Minuten Fußball! Auch bei den Preisen für Saisontickets sind die „Gunners“ Spitze. Umgerechnet rund 2.740 Euro kostet die teuerste Dauerkarte; 1.380 Euro die billigste. Zum Vergleich: Eine Stehplatz-Dauerkarte für die Spiele des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München kostet in dieser Saison 140 Euro. Zwar ist in den Saisontickets des FC Arsenal der Preis für mindestens sieben Pokalspiele schon enthalten, an einer Gewissheit ändert das aber nichts: Spitzenfußball in England ist zu einem Produkt für Menschen mit gut bezahlten Jobs geworden.

Um dafür zu kämpfen, den Fußball in England wieder bezahlbar zu machen, haben Fans vor einigen Jahren die Initiative „Twenty’s plenty“ gegründet – „Zwanzig sind mehr als genug“. Vertreter der Gruppe suchen den Dialog mit der Liga und Vereinen, um dort ihren Standpunkt zu vermitteln. Immer mehr Fußballfans wenden sich zudem von den oberen Vorzeigeligen ab und unterstützen stattdessen lokale Amateurmannschaften. In London spielt etwa der Neuntligist Clapton FC vor bis zu 800 Zuschauern – mit der „Scaffold Brigada“ hat sich dort sogar eine antifaschistische Ultra-Gruppe nach europäischem Vorbild gebildet. Zum Siebtligisten Dulwich Hamlet FC kommen an Wochenenden oft mehr als 1.000 Zuschauer. Die aktiven Fans des Vereins sind im Herbst des vergangenen Jahres zweimal im Konvoi nach Calais gefahren, um den dort festsitzenden Flüchtlingen gespendete Wolldecken, Schlafsäcke und Winterschuhe zu bringen. Jack – Ende zwanzig, Typ Holzfäller – war bei beiden Fahrten dabei. Er unterstützt „The Hamlet“ nicht nur, um gegen überteuerte Tickets für Premier-League-Spiele zu protestieren, sondern auch, weil er sich durch Aktionen wie die Sammlung für Calais zu einem bedeutenden Teil des Vereins machen kann. Er sagt: „Unser Klub ist eine gute Plattform, um etwas zu bewegen. Man kann sich leicht einbringen – und Dinge tun, die getan werden müssen.“

Clapton FC Scaffold Brigada

Neunte Liga, 800 Zuschauer: Beim Clapton FC hat sich die Ultragruppe „Scaffold Brigada“ formiert.

Auch außerhalb der Megacity wird dieser Trend für die Vereine immer deutlicher spürbar. Der Fußballjournalist Andrew Butler sagt: „Viele Teams in den unteren Ligen, die so viele Zuschauer anziehen, spielten innerhalb der letzten zehn Jahre noch in höheren Ligen – einige Fans haben einfach nie aufgehört, diese Vereine zu unterstützen.“ Es sei zudem nicht ungewöhnlich, dass Fans zwar einen Premier-League-Klub mögen, aber trotzdem lieber zu den Spielen ihres örtlichen Non-League-Vereins gehen: „Spitzenfußball können sie sich schließlich auch bequem im Fernsehen anschauen.“

Der Weg vom Pub zum Stadion führt durch ein ruhiges Wohnviertel, kaum zehn Minuten zu Fuß. An einem Imbiss stehen Fans und trinken Dosenbier. Durch unzählige Eingänge schlüpfen Menschen ins Innere des Stadions, der Schall erster Schlachtrufe der Fans aus Sunderland schwappt bis hinaus auf den Vorplatz. In den Seitenstraßen kann man an etlichen Ständen Schals und Trikots kaufen, Schwarzhändler verticken Karten für das Spiel: 80 Pfund pro Stück, Verhandeln nicht erwünscht. Einem berüchtigten Arsenal-Pub sieht man an, dass er vor Minuten noch brechend voll war. Jetzt sitzen nur noch vereinzelt Männer an Tischen voller leerer Gläser und lauschen der Radioreportage über ihre Smartphones – Pay-TV gibt es hier nicht.

Zurück zum Plastik-Weihnachtsbaum. Auf der Leinwand läuft das Spiel, aus den Boxen dröhnt das Getöse der Fans im Stadion, es steht 1:0 für Arsenal. An der Bar lehnt Joe, Mitte 50, Glatze, Funktionsjacke, Ehering, Klapphandy. Bei einem Pint erzählt er, er sei Arsenal-Fan seit er neun war, seine Dauerkarte habe er seit 22 Jahren. Früher habe er dafür 300 Pfund bezahlt, heute sind es tausend mehr. Warum steht er hier im Pub, wenn er eine Dauerkarte hat? „Ich sitze gerade drei Jahre Stadionverbot ab“, sagt Joe: „hatte ein paar Bier mit den Jungs, bin über die Bande geklettert, wollte auf’s Feld laufen – da verstehen die keinen Spaß!“ Er ärgert sich darüber, dass er seine Mannschaft im Stadion heute nicht mehr so leidenschaftlich anfeuern dürfe wie früher, weil Ordner einen dann sofort zur Ruhe ermahnten. So wie früher: Dazu gehören für Joe allerdings auch Raufereien mit Fans rivalisierender Klubs – er muss grinsen, als er Anekdoten davon erzählt. Aber dann winkt er ab: Heute mache er so etwas natürlich nicht mehr, das sei alles lange her. Er leert sein Glas, stellt es auf die Bar und deutet mit dem Daumen über seine Schulter auf die Leinwand. „Fußball ist Kultur, weißt du? Das da ist Fernsehen … die Kultur ist im Stadion.“

Abpfiff im Emirates. Arsenal hat das Spiel mit 3:1 gewonnen – und nur ein paar Minuten später ist der Pub wieder so voll wie er vor dem Match war. Dass der Fußball in England in naher Zukunft wieder bezahlbarer wird, ist nicht wahrscheinlich. Die Stadien der Premier-League-Klubs sind im Schnitt zu 96 Prozent gefüllt – trotz teurer Tickets. Die Strahlkraft der vermeintlich besten Liga der Welt macht es möglich. Für die Spielzeiten 2016 bis 2019 hat die Liga einen Rekord-Deal bei der Inlandsvermarktung der Fernsehrechte gelandet: Die Pay-TV-Sender „Sky“ und „BT Sport“ zahlen in diesem Zeitraum zusammen umgerechnet rund 6,9 Milliarden Euro für Übertragungen aus den zwanzig Stadien – das macht unterm Strich etwa 13,45 Millionen Euro pro Spiel. Ein lohnendes Geschäft. Immerhin gibt es in England genug Fußballfans, die bei den Spielen ihrer Teams nur noch vor dem Fernseher mitfiebern können. \

[Hinweis: Diese Reportage erschien ursprünglich im GrenzEcho am 24. Dezember 2015]

LINK: Die Saisonvorbereitung bei Alemannia Aachen

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