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Die Alemannia liegt in Trümmern

Kommentar

Die jüngste Episode einer ganzen Serie an Tiefpunkten verschlägt einem die Sprache. Alemannia Aachen zerbröselt in seine Einzelteile. Wie lange soll das noch so gehen?

tivoli

Von Marcus Erberich

Seit Jahren torkelt Alemannia Aachen, dieser einst so stolze Verein, von einem Tiefpunkt zum nächsten. Immer heftiger werden die Rückschläge, immer hässlicher die Desaster. Das neueste Kapitel dieser mehr als unrühmlichen Geschichte wurde Anfang dieser Woche aufgeschlagen.

In einer Pressemitteilung verkündete die Alemannia, Sportdirektor Alexander Klitzpera sei im Rahmen einer Trainersitzung am Montagabend „körperlich angegriffen worden“. Ein „Jugendtrainer, der kurz zuvor der Veranstaltung verwiesen wurde“, sei der Angreifer gewesen. Klitzpera sei dabei verletzt worden „und musste im Krankenhaus behandelt werden“. Gegen den in der Mitteilung nicht namentlich erwähnten Trainer sei Anzeige wegen Körperverletzung erstattet worden, zudem habe man ihm fristlos gekündigt und er dürfe ab sofort weder den Tivoli noch die Trainingsplätze mehr betreten.

Dass es sich bei dem Beschuldigten um U19-Co-Trainer Harald Heinen handelt, brachte erst die Aachener Tagespresse ans Licht. Die Reaktion Heinens ließ nicht lange auf sich warten. In einer sechs Seiten umfassenden Pressemitteilung schilderte der Belgier am Mittwoch seine Sicht auf die Dinge – und löste damit ein Erdbeben aus.

In dem Text erhebt Heinen schwere Vorwürfe gegen den Verein. Es geht darin etwa um einen „möglichen Verdacht des sexuellen Übergriffes auf Schutzbefohlene“ durch einen mittlerweile nicht mehr vom Verein beschäftigten Jugendtrainer. In dieser Sache wurde offenbar schon vor längerer Zeit ermittelt. Weiter sei Heinen bis zum vergangenen Dienstag „seit Monaten vom Verein nicht mehr entlohnt“ worden. Zudem gibt Heinen an, von Klitzpera als „kleiner, dreckiger Belgier“ beschimpft worden zu sein, weshalb er Anzeige wegen des Strafvorwurfs der Beleidigung stellen wolle. Den Schlag in Klitzperas Gesicht gibt Heinen zwar zu, führt ihn jedoch auf die angeblich vorangegangene Beleidigung zurück: „Ich will mein Verhalten mit dieser Erklärung nicht rechtfertigen, zumindest aber doch erklären.“

Hier sind wir nun. Und plötzlich sprechen wir in Aachen nicht mehr von Christian Benbennek, von dem man sich vor ein paar Wochen einvernehmlich trennte. Nicht von seinem Nachfolger Fuat Kilic, der seine Sache – so urteilten wir – in den ersten Tagen sehr gut machte. Es machte sich sogar wieder so etwas wie ganz leiser Optimismus breit: Ein Gefühl, das wir nach den letzten Wochen, an deren Gipfel drei verdiente Stammspieler wegen angeblicher Wortführerschaft gegen Benbennek und Klitzpera suspendiert wurden, als Fans gar nicht mehr kannten.

Als Fan der Alemannia ist man Leid gewöhnt – da wird man schon mal euphorisch, nur, weil es gerade mal ein bisschen weniger miserabel läuft. Doch das Hochgefühl wurde innerhalb von drei Tagen in Stücke gerissen, in der Luft zerfetzt, zu Staub zertrampelt. Die Alemannia liegt in Trümmern. Vielleicht mehr als jemals zuvor.

Denn wir sprechen jetzt von einem „möglichen Verdacht des sexuellen Übergriffes auf Schutzbefohlene“. Wir sprechen von angeblich nicht bezahlten Löhnen. Wir sprechen vom Vorwurf einer rassistischen Beleidigung. Noch ist nicht klar, was und wie viel von all dem stimmt – die Wahrheit wird sich wohl irgendwo im Magnetfeld zwischen beiden Pressemitteilungen befinden. Alexander Klitzpera bestreitet, die genannte Beleidigung jemals ausgesprochen zu haben. Die Klärung des Sachverhalts ist nunmehr Aufgabe der Justiz.

Und die Fans? Die können in Zukunft nur in der Presse verfolgen, welche Wendungen der Fall noch nehmen wird. Er wird Alemannia Aachen jedenfalls noch lange überschatten, derartige Vorwürfe lassen sich nicht mal eben wegwischen. Fans, die immer stolz darauf waren, Anhänger eines so ungewöhnlichen Klubs zu sein, werden sich fragen, wen sie überhaupt noch anfeuern sollen, wenn sie mit einem Bier und einer Bratwurst an ihrem Wellenbrecher lehnen oder in ihrer Sitzschale hocken. Wenn es so weiter geht, wird auch den treuesten Fans die Lust auf Alemannia irgendwann vergehen. Wir steuern geradewegs darauf zu. \

[Hinweis: Einige Stunden nach Erscheinen dieses Artikels veröffentlichte die Alemannia auf ihrer Internetseite eine Stellungnahme zu den von Harald Heinen erhobenen Vorwürfen.]

LINK: Die Wintervorbereitung bei Alemannia Aachen

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2 Kommentare zu Die Alemannia liegt in Trümmern

  1. Man sollte jetzt nicht in Hysterie verfallen, denn schließlich hat der Verein ja auch eine Menge an positiven Punkten zu vermelden: erfolgreiche überstandene Insolvenz, ein bundesligafähiges Stadion, einen Top Vermarkter,einen Unterbau, der für mindestens 2 -. Liga spricht, ambitionierte Sportler mit entsprechendem Support, usw.

    Allerdings sieht die Führung des Vereins nicht wirklich gut aus, hier gibt es doch einige Hausaufgaben, die zu erledigen sind: Vor allem Vetrauen schaffen, bei den eigenen Angestellten, Fans, Sponsororen und anderen Stakeholdern. Das ist Cefsache, und das kann man nicht an die noch unerfahrenen Geschäftsführer delegieren. Das ist Teamarbeit! Jeder, der ein Unternehmen führt, oder sonst eine ähnliche Verantwortung hat, weiß, was gemeint ist.

    Es gibt nicht Gutes, außer man tut es!!!

  2. Michael Krahe // 21. Januar 2016 um 18:04 // Antwort

    …ich latsch jetzt 35 Jahre zum Tivoli, aber wenn’s so weitergeht müssen wir uns wirklich ’nen neuen Verein suchen… Und nur weil die den Laden nicht in den Griff bekommen…Schämt euch!!!!

1 Trackback / Pingback

  1. Alemannia Live: Löhe wechselt nach Steinbach – Ueberdachte – Fußball-Fanzine aus Aachen

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