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„Von mir aus auch ein Kacktor“

Reportage

Wochenende, Fußball gucken. Was für die meisten Fans normal ist, ist für andere unmöglich. Hier kommen Arne und Lukas ins Spiel: Die Blindenreporter vom Tivoli.

Blindenreporter Tivoli

Von Marcus Erberich

Knapp zwei Stunden bis zum Anstoß. Im Presseraum des Tivoli versammeln sich Journalisten, Zeitungsreporter studieren die Aufstellungen beider Mannschaften, Fotografen bereiten ihre Kameras vor. Auch Verantwortliche der Alemannia huschen durch den Saal, schütteln Hände, trinken Kaffee, der übliche Smalltalk.

An diesem Samstagmittag ist der TuS Erndtebrück zu Gast in Aachen. Nachdem die Alemannia drei Spiele in Folge verloren hat, hoffen die meisten hier, dass es gegen einen vergleichsweise schwachen Gegner endlich wieder für einen Sieg reichen wird.

An einem Tisch im Raum sitzen Arne Klar und Lukas Krott. Arne trägt Vollbart und eine Kappe, der rechte Arm ist fast vollständig tätowiert, vor ihm steht eine Schale mit Linseneintopf. Lukas hat dunkle Locken auf dem Kopf und einen Alemannia-Schal locker um den Hals gelegt; er belässt es erst mal bei einem Mineralwasser.

Seit etwa einem Jahr sind die beiden das Blindenreporter-Duo der Alemannia – ehrenamtlich, für ihr Engagement bekommen und wollen sie keinen Cent. Zu Zweitligazeiten auf dem neuen Tivoli gab es schon andere Blindenreporter in Aachen. Als die Positionen frei wurden, bewarb sich zuerst Arne und schleppte Lukas später einfach mit.

Ihren Live-Reportagen lauschen auf dem Tivoli pro Spiel zwischen vier und sieben sehbehinderte Fans. Für sie beschreiben Arne und Lukas, was sie auf dem Spielfeld und drum herum sehen – und machen so die Heimspiele der Alemannia auch für sie erlebbar. Parteiisch zu sein ist dabei ausdrücklich erwünscht – „nur, wenn Gästefans mithören, sollten wir es damit nicht übertreiben“, sagt Arne.

Eine Stunde bis zum Anstoß. Arne und Lukas verlassen den Pressebereich, vorbei am Parkhaus geht es zum Eingang Südwest. Einerseits lagert hier in einem Abstellraum ihre Ausrüstung – Mikrofon und Kopfhörer -, andererseits erreichen sie von hier leicht den Familienblock und den Rollstuhlbereich, wo viele ihrer Hörer sitzen.

Die meisten davon kennen die Reporter persönlich, ein kurzer Plausch vor dem Anpfiff gehört für sie dazu. Später geht es mit dem Aufzug hinauf bis unters Dach über der Sparkassentribüne, wo bei den Heimspielen der Alemannia Journalisten und Medienvertreter platznehmen. Ganz in der Nähe der Stehtribüne sind die Plätze von Arne und Lukas – so gut wie von hier oben dürfte der Blick nirgendwo sonst im Stadion sein.

Wenige Minuten bis zum Anstoß. Als Arne und Lukas ihre Kommentatorenplätze erreichen, machen sich auf dem Rasen die Mannschaften warm. Die Stehtribüne füllt sich. Schwarz und Gelb. Warum sitzen die beiden Spieltag für Spieltag hier oben, statt wie die anderen Fans mit Bier und Bratwurst an einem Wellenbrecher? Einerseits ist es für beide der Wunsch, anderen zu helfen. „Außerdem ist es geil, hier oben zu sitzen und Reporter zu spielen“, sagt Lukas. Und Arne fügt hinzu: „Wir werden schließlich irgendwann den Aufstieg der Alemannia live kommentieren! Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir jetzt 30 Jahre in der vierten Liga spielen…“

Blindenreporter Tivoli

Von ihren Plätzen haben Arne und Lukas beste Sicht, auch auf die „Steh“.

Zwanzig Minuten sind gespielt, es steht 0:0. Die Alemannia ist bemüht, aber im Angriff oft zu unkonzentriert. Erndtebrück begnügt sich erst mal mit Abwarten und schaut, was die Aachener Mannschaft noch zu bieten hat.

Arne und Lukas kommentieren im Wechsel, nach jeweils 15 Minuten hat der eine Pause und der andere übernimmt. Ihre Beschreibungen von Spielsituationen sind anschaulich – immerhin können ihre Hörer das Geschehen auf dem Rasen nicht selber sehen. Trotzdem schaffen die beiden es, den Witz nicht zu kurz kommen zu lassen: Ihr Running Gag ist der Wettbewerb um die meisten kommentierten Tore der Alemannia, aktuell führt Arne knapp mit einem Tor Vorsprung. Heute gegen Erndtebrück, spricht Lukas ins Mikrofon, sei ihm auch ein „Kacktor“ recht, solange die Alemannia dadurch gegen Erndtebrück gewinne – und er den Ausgleich schaffe.

36 Minuten sind gespielt. Nach einer Kombination über links landet der Ball in der Mitte bei Dominik Ernst, der ihn endlich zum 1:0 für die Alemannia in die Maschen schiebt. Das Ganze ereignet sich vor den Fans der Alemannia. Während Arne noch damit beschäftigt ist, das Gesehene zu kommentieren, springt Lukas auf, ballt die Fäuste und schreit seine Freude über den Treffer raus. Die Alemannia wird die Führung in die Halbzeit retten.

Blindenreporter im Stadion sind keine Aachener Erfindung. In den ersten beiden Profiligen gehört das Angebot längst zum Standard, dritte Liga und Regionalligen ziehen langsam nach. Bundesweit werden für die Freiwilligen Workshops angeboten, die ihnen das wichtigste Handwerkszeug eines Radioreporters vermitteln sollen. Immerhin müssen die Zuhörer ständig auf dem Laufenden gehalten werden: Wo ist der Ball? Wie stehen die Mannschaften zueinander? Wohin geht der Pass – und wo steht möglicherweise ein Stürmer ganz frei? Keine leichte Aufgabe.

Leicht haben es Arne und Lukas auch in der zweiten Halbzeit nicht: Die Alemannia kommt eher schwächer als stärker aus der Pause. Im Gegensatz zu Erndtebrück, das jetzt seine Chance wittert, Punkte aus Aachen mitzunehmen. Der Ausgleich für die Gäste fällt nach 53 Minuten, die Alemannia geht nach 63 Minuten erneut in Führung, bevor Maier mit Gelb-Rot vom Platz muss – und Erndtebrück sieben Minuten vor dem Ende den 2:2-Endstand markiert.

Abpfiff. Kein gutes Spiel der Alemannia, kein gutes Ergebnis gegen den Aufsteiger. Wie schon nach dem letzten Heimspiel pfeifen einige Fans die Mannschaft aus, andere klatschen trotzdem, zufrieden ist mit Ausnahme der Gäste keiner. Auch nicht Arne und Lukas. Aber auch das gehört zu ihrem ehrenamtlichen Engagement dazu. Ob Sieg, Unentschieden oder Niederlage: Durch ihren Einsatz können auf dem Tivoli auch die Fans mit dabei sein, die das Spiel auf dem Platz ohne sie kaum miterleben könnten. \

LINK: Simon Rolfes im Interview

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2 Kommentare zu „Von mir aus auch ein Kacktor“

  1. Gute Sache! Wie wird das übertragen? Könnte man das nicht auch für den Rest der Welt streamen (vergl. Amateurfunk vom BVB)?

2 Trackbacks / Pingbacks

  1. Rhetorik des Untergangs | Ueberdachte – Fußball-Fanzine aus Aachen
  2. Die Geduld ist verbraucht | Ueberdachte – Fußball-Fanzine aus Aachen

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