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Und dann kamen auch noch Pfiffe…

Kommentar

Die Alemannia hat zum dritten Mal in Folge verloren. Das ist Mist. Aber das eigene Team auszupfeifen, ist noch viel schlimmer.

Alemannia Aachen Kommentar Pfiffe

Von Marcus Erberich

Wann haben wir in Aachen eigentlich damit angefangen, unsere eigene Mannschaft auszupfeifen? Die Frage ist ernst gemeint: Wann war bei manchen von uns der Punkt erreicht, an dem wir uns nach schlechten Leistungen gegen die Spieler gestellt haben statt hinter sie?

Für die große Mehrheit der Alemannia-Fans gehörte es über Jahrzehnte dazu, auch nach Niederlagen zu singen und zu klatschen – egal, gegen welchen Gegner es ging. Immerhin waren wir Alemannia Aachen, Klömpchensklub, glücklich gefangen in einer Art Parallelwelt neben dem großen Fußball im Rest der Republik. Gepfiffen wurde immer nur woanders – in Köln, Gladbach, München.

Das hat sich offenbar geändert. Nach der Niederlage gegen den SV Rödinghausen am letzten Freitag waren Pfiffe nicht nur vereinzelt, sondern deutlich hörbar, zum Teil schon während des Spiels. Jetzt mal ehrlich: Was bringt das?

Klar, die Mannschaft hat sich gegen den Tabellenführer nicht unbedingt in Paradeuniform präsentiert, wirkte nicht selbstbewusst und offenbarte zum Teil deutliche Schwächen. Aber was ist die Botschaft, die durch Pfiffe bei den Spielern ankommen soll? „Ihr habt verloren und wir finden das doof“? Man darf den Fußballern, die aktuell mit unserem Wappen auf der Brust auflaufen, wohl unterstellen, dass sie selbst am besten wissen, dass man im Fußball besser gewinnen sollte als verlieren.

Und um zu verstehen, dass die Mannschaftsleistung gegen Rödinghausen mangelhaft bis ungenügend war, brauchen die Spieler keine Pfiffe von Fans. Was sie brauchen, ist enger Zusammenhalt innerhalb des Teams, die richtige Ansprache durch das Trainerteam, zielgerichtetes Training – und die vorbehaltlose Unterstützung wirklich aller Fans.

Graetsche Jannik Löhden

Jannik Löhden grätscht gegen Schalke II. Das Spiel verlor die Alemannia trotzdem.

Insbesondere mit Blick auf die Tabelle ist der Frust der „Pfeifer“ nicht ganz nachvollziehbar. Für die Vergesslichen unter uns: Die Alemannia hat aus den ersten neun Spielen der Saison 16 Punkte geholt – fünf Siege, ein Unentschieden und neuerdings drei Niederlagen. Macht in dieser frühen Phase der Saison Platz vier. Was haben sich denn manche vorgestellt? Dass die Alemannia einen Start-Ziel-Sieg mit 102 Punkten hinlegt – bei den tiefgreifenden Veränderungen nach der letzten Spielzeit? Wir haben einen neuen Trainer und eine signifikant veränderte Mannschaft!

Und allen, die jetzt denken: „Wir können ja nicht immer mit allem zufrieden sein, manchmal muss man sich auch Luft machen“, sei gesagt: Natürlich wollen und müssen wir alle aus der Regionalliga West raus. Aber dass der Weg in die dritte Liga nun mal durch ein verflixtes Nadelöhr führt, daran ist so leicht nichts zu ändern. Daran ändert zugegebenermaßen auch unsere Klömpchens-Parallelwelt nichts.

Aber dafür kann doch die Mannschaft nichts! Auf den Schultern unserer Spieler lastet der Druck, aufsteigen zu müssen, lieber dieses Jahr als nächstes. Im Nacken sitzt ihnen die Angst eines ganzen Fußballvereins vor der totalen Bedeutungslosigkeit. Die Tatsache, nicht mal als Meister sicher aufzusteigen, macht diese Aufgabe zur Drecksarbeit.

Es wäre deshalb wirklich allen geholfen, wenn wir das Pfeifen in Zukunft wieder die anderen machen ließen. Und uns auch nach schlechten Spielen hinter unsere Mannschaft stellen. So, als wäre alles noch wie früher. Denn um da unten wieder raus zu kommen, muss wirklich alles passen. Auch die Harmonie zwischen Mannschaft und Fans. \

LINK: Florian Rüter im Interview

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3 Kommentare zu Und dann kamen auch noch Pfiffe…

  1. Ich glaube, dass die Fans in Aachen (aber sicherlich auch anderswo) eine gute Antenne dafür haben, wann man nach einer Niederlage Beifall klatschen sollte und wann nicht. Und seit gefühlt 2007 (Bundesligaabstieg) habe ich keine Niederlage mehr erlebt, nach der es Beifall gegeben hat (naja, vielleicht der Zweitligaabstieg in München). Im Wesentlichen gibt es für mich einen Grund. Mit den zunehmenden sportlichen und spielerischen Ambitionen (wir waren trotz zweier Abstiege in den letzten Jahren immer als einer der Geheimfavoriten in die jeweilige Liga gegangen), hat unser Kader die Typen verloren. Zu seeligen Zweitligazeiten Anfang der 2000er konnte man sich sicher sein, dass man kläglichen Kick-and-Rush-Fußball zu sehen bekommt und von Hannover 96 und Konsorten ordentlich Keile kriegt. Diese Spiele hat man dann meist auch 5:0 oder so verloren, sah aber am Ende des Spiels abgekämpfte Heerens, Landgrafs etc. auf dem Platz liegen. In meiner rosaroten Fantasie mit zerissenen Trikots, blutigen Knien und nem Büchel Gras zwischen den Zähnen. Das hat man heute nicht mehr. Zumindest nicht mehr als mannschaftliches Kollektiv. Das kann man gut finden, weil uns das spielerische in vielen Begegnungen den Sieg bringt. Das kann man aber auch negativ empfinden, weil wir gegen Gegner, die clever oder hart spielen nicht dagegen halten. Oder auch selbst nicht auf die Idee kommen hart zu spielen, wenn der Gegner das Heft in der Hand hat. Das enttäuscht die Fans einfach. Und das kann ich auch vollkommen verstehen. Insbesondere, wenn man den Fans suggeriert, dass sie mit der Verpflichtung von Staffeldt den nächsten Landgraf zu sehen bekämen, dieser sich aber dann als spielerischer und kämpferischer Totalausfall präsentiert.

  2. Gepfiffen wurde auch bei Alemannia schon immer. Dieser verklärte „wir sind/waren immer was anders/besseres“ geht mir mal gehörig auf den Senkel.
    Man kann zu Pfiffen stehen wie man will, ich kann sie als Ausdruck von Unzufriedenheit durchaus akzeptieren, Pöbeleien gehen allerdings gar nicht.
    Aber so zu tun, als wäre das ein Phänomen der jüngsten Geschichte, kann noch nicht lange zum Tivoli gehen.

    • Hallo Manfred, danke für dein Feedback! Es ist in meinem Fall wirklich noch kein halbes Jahrhundert, aber immerhin mehr als 15 Jahre. Lange genug also, um schon zu geduldigeren Tagen dabei gewesen zu sein. Viele Grüße, Marcus

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