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In den Wehen mit Clirim Bashi

Am Freitag steht das Entscheidungsspiel zwischen Aachen und Mönchengladbach an. Gastautor Sascha Theisen, unter anderem Kolumnist bei Alemannia Aachen, blickt zurück auf ein legendäres Spiel gegen die Fohlen - mit Clirim Bashi in der Hauptrolle.

Von Sascha Theisen

Wenn der Wehenschreiber bei 180 steht, weißt Du: Viel mehr geht jetzt nicht mehr! Gleich bist Du Papa! Klar: Männer wären bei dem Level längst gestorben, was hauptsächlich der Grund dafür ist, dass sie eben nicht im Bett liegen und sich zu ihrem Baby schreien, sondern eben daneben auf einem Stuhl sitzen, dessen unbequeme Bauweise sie immerhin stillschweigend ertragen.

Stundenlang starren sie als werdende Väter auf diesen Wehenschreiber und spielen in Gedanken ihr ganz eigenes Spiel mit dem Gerät – ein Spiel, das sie „Neuer Rekord“ nennen. Die Spielregeln sind denkbar einfach und mit einem Satz schnell erklärt: Wie hoch kann die Zahl noch gehen?

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Ein abwechslungsreiches Spiel, denn wer etwa in der Anfangsphase der ganzen Prozedur innerlich die Faust ballte, weil bei einer 38er-Wehe der alte Rekord pulverisiert wurde, der wundert sich in der pränatalen Schlussphase, dass es hier doch tatsächlich noch über 180 gehen konnte. Wer hätte DAS gedacht? Natürlich erzählt man der Mutter besser nichts von diesem Zahlenspielchen, aber – hey – irgendwie muss man die Zeit ja auch totschlagen, immer in der beruhigenden Gewissheit, dass man(n) zum Glück selbst nicht diesem Rekordspiel ausgeliefert ist.

Denke ich an unvergessene Momente Alemannias gegen Borussia Mönchengladbach, ist es vor allem dieser Wehenschreiber, der mir als unbestechlicher Momente-Kompass in den Sinn kommt.

Schlaudraffs Kopfball im Rückwärtsflug im Bundesliga-Jahr, Tais Fallrückzieher von der Strafraumgrenze im Flutlichtspiegel des Tivoli oder jene unvergessene Stille während der Schlussminuten des Pokalhalbfinales, als die Angst vor der Niederlage kurzzeitig nicht nur die Lust auf den Sieg killte, sondern gleich auch noch ein ganzes Stadion in stille Stoßgebetsehrfurcht versetzte.

Alles Momente, die im Wehenschreiber-Duktus kurz vor dem spitzen Schrei einer echten 180 liegen, es aber eben auch nicht darüber schafften, so wie eben jener Moment vom 11. September 1999, als noch alle Türme standen – vor allem ein schwarz-gelb-albanischer am Mönchengladbacher Bökelberg, mitten in der Abwehr des gerade frisch gebackenen Zweitligisten Alemannia Aachen.

Bei glühender Hitze waren wir damals vorbei an den etwas zu spießigen Einfamilienhäusern am Fuße des Bökelbergs zum Stadion gegangen. Ein vielleicht etwas zu langer Fußweg, den wir hauptsächlich damit verkürzten, die aktuelle Tabellensituation mit jedem erdenklichen Ergebnis des vor uns liegenden Nachmittags abzugleichen. Das Ergebnis schien klar und war auch trotz der frühen Saisonphase selbst in diesem Diskussionszirkel sicher nicht zu hoch gegriffen. Es lautete: Bei Sieg, Aufstieg!

34.000 Zuschauer schwitzten damals in diesen September-Nachmittag hinein, um sich ein Fußballspiel anzusehen, das es in dieser Konstellation eben lange nicht gegeben hatte. In meiner Erinnerung müssen ungefähr 6.000 davon aus Aachen gewesen sein – Alarm machten sie trotz der Temperaturen für 12.000.

Eine epische Atmosphäre, die in den Multifunktionsarenen der heutigen „Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden-Sportplätzen“ obsolet geworden ist. Begleitet wurde sie von einem mindestens ebenso großen Spiel, in dem Alemannia durch einen Foulelfmeter von Frank Schmidt in Führung ging, um zwei Minuten später einen Flugkopfball von Toni Polster verkraften zu müssen.

Einen enormen Ausschlag nahm der Wehenschreiber des Spiels in der 41. Minute, als Taifour Diane einen als Flachschuss getarnten Ball auf die Reise schickte, der Uwe Kamps, in Zeitlupen-Tempo rollend, frech mitten ins Gesicht grüßte und begleitet von 6.000 bizarr geöffneten Mündern, in deren Kehle jeder Schrei erstickte, ins lange Eck kullerte. Die Folge: unfassbarer Jubel, den man mit in die Pause nahm, die ein Spiel unterbrach, das erst in der zweiten Hälfte wirklich dramatisch werden sollte.

Denn als nach gerade mal elf weiteren Spielminuten Stephan Lämmermann mit roter Karte das Feld verlassen musste, stemmten sich zehn Alemannen mit einer Verve gegen alle Angriffe, wie ich es selten danach in irgendeinem Stadion wieder erlebt habe. Auf den Rängen direkt hinter dem Aachener Tor spielten sich nun Szenen ab, die sich von Minute zu Minute zu wahrer Hysterie steigerten. Ungefähr in Spielminute 60 gab der Wehenschreiber des Kicks eine klare 140 zu Protokoll und unterschritt diesen Wert von da an nicht mehr.

Der Taktgeber des schier unfassbaren Supports war Aachens Nummer 2, Clirim Bashi. Nach jeder Grätsche, nach jedem gewonnen Zweikampf und in meiner völlig verklärten Erinnerung auch nach jedem gelungenen Pass, drehte er sich zur Kurve und forderte sie nachdrücklich auf, noch einmal und noch einmal mehr zu geben für diesen Sieg, der so unmöglich schien und doch mit jeder Wehe näher kam.

Denn am Ende gewann Alemannia Aachen dieses Spiel tatsächlich mit 2:1 – ein Sieg, der im Nachhinein nur durch eine dieser Symbiosen zwischen Anhang und Mannschaft zu Stande kam, die halt manchmal an solchen Nachmittagen entstehen – unerwartet in dieser Wucht und eben deshalb so bedingungslos.

Sinnbild dieser Vereinigung war Clirim Bashi, der sofort nach dem Schlusspfiff in Richtung Kurve lief, dort einzigartig theatralisch auf die Knie sank und mit völlig verzerrter Miene das Wappen auf seiner Brust küsste. Eine Geste, die selten passt – in diesem Moment passte sie. Sie passte zu diesem Spiel, zu diesem Sieg und sie passte in diesem Moment auch zu diesem Spieler. Es war Euphorie, Dankbarkeit und Raserei in ihr – befeuert durch das Stakkato aus dem Block. Der Wehenschreiber vermeldete einen Rekord für die Ewigkeit!

Unerreicht bis heute! Am Freitag ist in Aachen vielleicht nicht mit tropischen Bedingungen zu rechnen. Der Ball rollt auch nicht in einer dieser Arenen, in denen jeder Balken nach Fußball knirscht. Es geht nicht einmal gegen die erste Mannschaft vom Niederrhein und Clirim Bashi selbst hat längst das Sofa gegen den Strafraum eingetauscht. Und doch: Wenn sich der Wehenschreiber am Abend des 17. April langsam auf die 180 zu bewegt, dann sieht es gut aus. Dann lautet die Prognose: Bei Sieg, Aufstieg! Und mehr geht dann auch nicht! \

LINK: Gastautor: Christian Dang-anh zum Essen-Spiel

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2 Kommentare zu In den Wehen mit Clirim Bashi

  1. Hier zum nachschauen:

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  1. Sven Demandt: “Der Druck liegt bei Aachen” | Ueberdachte – Fußball-Fanzine aus Aachen
  2. #Link11: Rasenballsport-Ultras und Erinnerungen an Clirim Bashi | Fokus Fussball

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