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Poquett: „Wir wollen kein soziales Mitleid“

Die geplante Neunutzung des "Klömpchensklubs" sorgt für Aufregung in der Fan-Szene. Alois Poquett, Geschäftsführer der WABe und langjähriger Alemannia-Fan, möchte die Fankneipe reaktivieren - und Menschen mit Handicap eine berufliche Zukunft geben.

Interview: Tim Habicht

Der „Klömpchensklub“ im Tivoli liegt derzeit brach. Das wollen Sie jetzt ändern. Was genau haben Sie geplant?

Die Idee ist entstanden, als noch mehr als nur der „Klömpchensklub“ brachlag. Wir wollen zwei Ziele erreichen: Zum einen essen, trinken, klönen und Fußball im Fernsehen schauen, auf einem guten Niveau und zu bezahlbaren Preisen. Zum anderen sollen sowohl Fachkräfte als auch Menschen mit Handicaps Hand in Hand zusammenarbeiten. Dadurch sollen diese Menschen wieder beruflich Fuß fassen oder vielleicht auch eine Ausbildung machen können. Das primäre Ziel der WABe ist es, diese Hilfestellungen zu schaffen und umzusetzen.

Denken Sie, ein regelmäßiger Treffpunkt für Alemannia-Fans an und außerhalb der Spieltage ist ein wichtiger Faktor zur Identifikation mit dem Verein?

Da bin ich mir ganz sicher. Es gibt zwar mit dem Werner-Fuchs-Haus einen Ort für Fans, aber viele wünschen sich bestimmt einen Treffpunkt, an dem man vielleicht auch mal mittags beim Essen die Spieler oder andere Leute von der Alemannia oder eben seine Freunde treffen kann. Alemannia ist doch mehr als das eine Spiel pro Woche. Ich persönlich gehe auch mal gerne zwischendurch das Training schauen oder eben einfach so mal in den Fanshop.

Ist es gewünscht, dass Fans selbst im „Klömpchensklub“ helfen und arbeiten? Sozusagen eine Plattform von Alemannia-Fans für Alemannia-Fans schaffen?

Die WABe will Menschen mit Handicaps unter anderem bei der beruflichen Integration unterstützen. Das machen wir über Projekte und wie im Fall „Klömpchensklub“ angedacht, über eine in der Regel befristete sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder Ausbildung. Ich bin mir sicher, dass es (leider) auch etliche Alemannia-Fans ohne Arbeit gibt, die so eine Tätigkeit gerne annehmen würden. Ehrenamtliches Mittun kann ich mir aber auch vorstellen. In einem anderen Projekt machen wir zum Beispiel regelmäßig ein Doppelkopfturnier, dessen Erlös dann für eine Schule im Kongo gespendet wird. Das läuft rein ehrenamtlich. In unserem Konzept wäre auch im „Klömpchensklub“ für so ein Engagement immer Platz.

Info-Veranstaltung der Fan-IG: Am Mittwoch, den 12. November, laden die Fan-IG und die Fanbetreuung im Werner-Fuchs-Haus zu einer Sonderveranstaltung mit dem Thema „Klömpchensklub“ ein. Gäste sind: Helmut Ludwig, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Aachener Stadtrat, und Alois Poquett. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Eintritt frei.

Wie wichtig ist Ihnen die Reaktivierung des „Klömpchensklubs“ persönlich? Immerhin sind Sie der Geschäftsführer der WABe und selbst langjähriger Alemannia-Fan. Es würde also zur perfekten Symbiose kommen.

Natürlich gibt es diese persönliche Perspektive. Es gibt so viele Momente der absoluten Freude und ebenfalls der absoluten Trauer in meinem „Alemannia-Leben“. Das ergibt dann diese tiefe Bindung, die mich auf jeden Fall nicht mehr loslässt. Und dennoch: Als Verantwortlicher bei der WABe darf das unter dem Strich keine Rolle spielen. Das Projekt „Klömpchensklub“ ist nicht ohne Risiko, aber aus meiner Sicht verantwortbar. Wäre es risikolos, dann wären schon zehn andere das vor uns angegangen.

Allerdings hapert das Vorhaben derzeit, weil offenbar ein Fitness-Studio in den Räumlichkeiten geplant ist. Erklären Sie uns die aktuelle Situation doch bitte genauer.

Ich habe natürlich auch nicht alle Informationen. Es ist nur deutlich zu merken, wie verschiedene Interessen aus welchen Gründen auch immer dran drehen und ziehen. Uns wurde gesagt, dass ein Fitnessstudio den Vorteil habe, dass es den ganzen „gelben Kasten“, also „Klömpchensklub“ und Fanshop, einnehmen und zudem noch deutlich mehr zahlen würde, als uns seitens Dr. Barths (Personaldezernent der Stadt Aachen, Anm. d. Red.) als Mietpreis – 6,50 Euro je Quadratmeter Kaltmiete – genannt wurde.

Nach meinen Informationen will Alemannia den Fanshop zur Parkhausseite hin verlegen – obwohl man dazu auch verschiedene Meinungen hört. Ich fände es sinnvoller, wenn es hier zu einer gemeinsamen Lösung käme, die „Klömpchensklub“ und Fanshop unverändert an ihren jetzigen Standorten beließe. Und bin gerne bereit und habe dies auch gegenüber der Alemannia geäußert, hier gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich sehe dazu jedenfalls Möglichkeiten.

Das Problem ist vermutlich überwiegend, dass die Räumlichkeiten bis zur neuen Saison brachliegen würden und der Alemannia beziehungsweise der Stadt Aachen Geld verloren ginge. Wie stehen Sie zu diesen Argumenten?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Eine ist die in unserem Konzept vorgesehene, dass man eine Pachtzeit an die Spielzeit anpasst, also ab 1. Juli eines Jahres. Das hängt auch damit zusammen, dass Alemannia Aachen derzeit bis zum Saisonende 2014/15 ein exklusives Ausschankrecht während der Heimspiele vergeben hat. Wir wären aber auch bereit, den „Klömpchensklub“ sofort anzupachten, obwohl wir dann nach derzeitigem Stand an Heimspielen nicht öffnen dürften.

Das Problem liegt meiner Meinung nach aber eher im konzeptionellen Bereich. Das Invest der Stadt Aachen durch die Übernahme des Tivoli kann sich langfristig doch nur rechnen, wenn Alemannia sportlich wieder in den Profifußballbereich kommt. Nur darüber sind Betriebskosten und Annuitäten in Millionenhöhe zu erwirtschaften. Und nicht durch die Mieteinnahmen der WABe oder eines Fitnessstudios. Deshalb müsste man als Stadt doch eher beurteilen, was man kurzfristig – vielleicht über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren – an Mieteinnahmen erzielen kann, ohne das langfristige Ziel, nämlich gute Mieteinnahmen von einer sportlich erfolgreichen Alemannia, aus den Augen zu verlieren. Deshalb kann ich nicht nachvollziehen, warum man jetzt maximal profitorientiert (was aber noch zu belegen wäre) und eben nicht sachorientiert im oben angegeben Sinne entscheidet.

SPD und Grüne machen sich stark für einen Erhalt des „Klömpchensklubs“ unter Ihrer Führung. Werden Sie konkret aus der Politik unterstützt?

Ja. Und nicht „nur“ von SPD und Grünen. Fast alle aus dem politischen Raum, mit denen ich Gespräche hatte, finden das Konzept gut. Klares Votum aus der Politik ist aber auch, dass die Stadt kein eigenes Geld in ein solches Projekt schießen wird, so sinnvoll es auch angesehen wird.

Wie steht Alemannia Aachen zu diesem Thema?

Ich habe zwar jetzt auch einige Mal von der „Alemannia“ gesprochen, aber ich habe natürlich auch erlebt, dass es nicht eine zentrale Alemannia-Stimme gibt. Ich durfte unser Konzept im Aufsichtsrat vorstellen und habe dort insgesamt eine Unterstützung gespürt. Fakt ist aber auch, dass Alemannia das nicht entscheiden kann. Verpachtung und auch andere Entscheidungen laufen formal derzeit noch über den Insolvenzverwalter der Alemannia Aachen Stadion GmbH. Wobei der auch mir gegenüber die klare Aussage getätigt hat, dass er im Hinblick auf die baldige Übernahme des Stadions durch die Aachen Stadion Beteiligungsgesellschaft (ASB), deren Geschäftsführer Herr Dr. Barth ist, alle Entscheidungen der ASB in diesen Fragen mittragen würde.

Das Image des Vereins ist aktuell wohl verbesserungswürdig. Eine Fankneipe, betrieben von einem sozialen Projekt und von Menschen mit Handicap, würde doch sicher für positive Schlagzeilen – auch für den Verein Alemannia Aachen – sorgen, oder?

Ich finde, da muss man etwas differenzieren beziehungsweise genauer formulieren. Der Verein Alemannia Aachen und viele seiner Abteilungen haben derzeit sicherlich kein Imageproblem. Es gibt keine Funktionäre, die Ablösesummen bar bezahlen oder auch keine Ausschreitungen beim Katschhofspringen. Das Hauptproblem ist und war in den letzten Jahren doch wohl eher das Verhalten der sogenannten Problemfans und einiger Gruppierungen. Da hätte sich „die Alemannia“ natürlich viel früher und viel deutlicher positionieren müssen. Und zwar nicht wegen Pyro-Aktionen, sondern wegen der politischen Ausrichtung dieser Personen.

Natürlich hätte ich nichts dagegen, wenn unser Projekt als positive Schlagzeile wahrgenommen würde, sehe das Ganze aber pragmatischer. Wir wollen für Menschen mit Handicaps eine positive Chance erschließen und das wird nur gelingen, wenn unser Projekt auch eine gute Leistung abliefern wird. Wir wollen deshalb kein soziales Mitleid, sondern eine reale Chance, dass wir und die beschäftigten Menschen sich beweisen können. \

LINK: Online-Petition zum Erhalt des „Klömpchenklubs“

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